Ist nicht so einfach, das Bewerben…

Es ist März. Ich stehe mitten in den Prüfungsvorbereitungen und habe große Ziele, Pläne und Enthusiasmus. Was ich hier mache bringt mich weiter, ich weiß es ganz genau und ich werde es mir schon beweisen. Da draußen die Firmen, die wollen mich. Die Vermittlungsfrau von der Kammer jubelt bei meiner Bewerbung, die ersten Gespräche mit Firmen beginnen. Und dann kommt das Aufwachen, die einen wollen mich nicht, die anderen schon aber für etwas das mir quer im Magen liegt. Moment, da wollte ich nicht hin, doch wo will ich denn wirklich hin? Ich beginne eine Liste, die wächst von Tag zu Tag. Mein neuer Job soll alles Mögliche haben. Er ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Berufen. Mit jedem neuen Punkt wird mir klar, dass ich werde Abstriche machen müssen, fragt sich nur wo.

Es ist Mai. Bewerbungen schreiben ist schwer. Nach den ersten Absagen noch viel schwerer und ich beginne an mir zu zweifeln, an meinen Qualitäten und Qualifikationen. So oft in meinem Leben habe ich mich auf Vitamin B verlassen, bin weiter empfohlen worden von Leuten, die mehr an mich glaubten als ich selber, hab mich voller Neugier in neue Jobs gestürzt weil sie gerade da waren, und viele davon waren große klasse, aber nie hab ich mir die Zeit genommen herauszufinden was ich eigentlich will. Jetzt stehe ich vor dem Regal an vermeintlicher Auswahl und habe Angst die falsche Entscheidung zu treffen. Halbherzig schreibe ich Bewerbungen auf die ich keine Antwort erhalte und ich hake auch nicht nach. Ab und an taucht ein Angebot auf, das ich mir in den schillerndsten Farben ausmale, und wenn ich meine Bewerbung dann vorbei bringe bin ich ernüchtert, weil mir das Arbeitsumfeld gar nicht gefällt und die Seifenblase zerplatzt. Ich mag das nicht, das Ungewisse und mein Selbstwertgefühl schlabbert irgendwo auf Kniehöhe herum und macht mir eine krumme innere und äußere Haltung. Fast wünsche ich mir ein Job spränge mich an und ich müsste nur reagieren, statt mich hinauszuwagen. So wie früher, da lief das doch auch…

Jetzt ist schon Juni. Volker Klärchen bietet ein kostenloses Webinar für Bewerbungsschreiben an und ich jubele laut. In Jogginghosen sitze ich vor dem Rechner und bin ganz Aug und Ohr. Fünf Seiten schreibe ich mit und bin auf einmal Feuer und Flamme. Meine Selbstzweifel sind wie weggeblasen, ich verstehe die Politik hinter Ausschreibungen und lese Stellenanzeigen ganz neu, für das, was sie wirklich sind. „Ihr könnt mich nicht einschüchtern“ denke ich, und dass ich jetzt endlich meine Bewerbungen schreiben werde, wenn ich mir mal einen Tag Zeit nehmen kann. Und dann nehme ich mir einen Tag und sitze vor einem leeren Blatt Microsoft Word und ringe um Worte. Ich. Ich soll schreiben was mich ausmacht, was jemand gewinnt, der mich nimmt. Verzagt bringe ich Satz um Satz aufs Papier, lösche, fange von vorne an und gebe resigniert auf. Ein paar Tage später ein neuer Versuch mit einem holperigen Ergebnis. Ich schreibe wie ein Siebtklässler ohne Sprachgefühl hölzerne Bewerbungssätze in denen ich beteuere, dass ich eine echte Sprachbegabung hätte. Glaubt mir keiner!

Ende Juli. Und die Absagen regnen schon wieder auf mich ein.

„Es liegt an meinem Anschreiben“ klage ich mein Leid. „Wer sagt das?“ sagt mein Gegenüber. „Könnte ja auch sein, dass du zu alt bist, zu viel Kohle willst oder einfach jemand anderes schneller war als du!“ aber ich bin überzeugt mein Anschreiben ist eine echte Katastrophe. Ich rechne aus, wie viel Zeit ich pro Bewerbungsschreiben benötigt habe, und was das bei einem Stundenlohn zum Mindestsatz gekostet hätte und bin weit im dreistelligen Bereich angekommen. Bin ja schließlich Kauffrau und Zeit ist Geld. Ich hab in all der Zeit nicht in der Sonne gelegen, ein Buch gelesen oder mir sonst etwas Gutes getan. So geht das nicht weiter. Ich brauche professionelle Hilfe. Ich greife zum Hörer und rufe den Fachmann an.

Und Volker hat Zeit für mich. Die Sonne scheint, wir sitzen in seinem Büro und plaudern entspannt über meinen Lebenslauf, ich erklär ihm meinen krummen Karriereweg und all die Jobs und er schreibt fleißig mit. Ich rede, und rede, ganz wie ich bin, entdecke meine Stärken dabei ganz neu und Volker fragt nach und macht sich Notizen und hört vor allem einfach zu. So richtig. Ohne voreilige Schlüsse und Sätze fertig reden und „Jaja“, sondern einfach hören. Das kann nicht jeder!

„Ich kenne niemanden, der keine Probleme hätte Eigenwerbung zu schreiben“ sagt Volker. Das sei das normalste auf der Welt. Gleich fühl ich mich viel beschwingter. Ich bin nicht die einzige mit Brett vorm Kopf. Besser noch, es gibt gar kein Brett!

Am Ende druckt er etwas aus und ich lese mein neues Bewerbungsschreiben. Ich bin ganz baff. Das klingt wie ich, so wie ich bin, so wie ich rede, nur ohne all die Flucherei. Da sind lustige und kohärente Sätze, die auf den Punkt knackig aussagen, was ich nicht schreiben kann. Und dabei ist es auch noch ziemlich humorig. Die Sätze sagen was ich kann, wo ich her komme, was mir Spaß macht und warum ich weiß dass ich gut bin. „Woher weißt du das?“ frage ich Volker ganz verblüfft. „Na das hast du mir doch erzählt“ sagt Volker. „Das sind deine Worte“. Und es stimmt. Was ich im Plauderton erzählen kann ist mir in all den Anläufen nicht über die Tastatur gekommen.

Beseelt gehe ich nach Hause. Ich hab ein Anschreiben, das ich für alle Bewerbungen nutzen kann. Es ist absolut kompatibel mit all den Stellen, die ich haben möchte. Volker hat mir eine Rampe gebaut für die Treppenstufe auf der ich seit einem halben Jahr beharrlich strauchele und bei der ich mit jedem neuen Versuch weniger Motivation hatte den Schritt zu wagen. Jetzt roll ich da einfach drüber. Es sind ja noch genügend andere Stufen da, und die ersten Absagen sind auch schon wieder reingeflattert. Aber vermutlich bin ich zu alt, oder der Job passt eh nicht zu mir oder ich bin überqualifiziert, oder, oder…

Danke Volker!

🙂